• Document: 1 Einleitung 1.1 Geschichte der Malaria in Deutschland
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1 1 Einleitung 1.1 Geschichte der Malaria in Deutschland Als faszinierende Tropenkrankheit ist die Malaria allgemein bekannt; daß sie jedoch über Jahrhunderte auch bei uns, im gemäßigten Klima, heimisch war, ist weniger geläufig. Spätestens seit der römischen Besetzung Germaniens war die Malaria, eingeschleppt von Legionären und Söldnern, auch in unseren Breiten heimisch (Ackerknecht (1953)). In mittelalterlichen Berichten sind Malariaerkrankungen allerdings noch schwer von anderen epidemischen Fiebern zu unterscheiden. So spricht J. de Molo1 von „febres intermittentes malignae epidemicae“, und Sticker (1924) bezeichnet Sumpffieber als die Landplage des Fränkischen Reiches. Darunter sind gewiß auch echte Malarien subsumiert. Mit dem naturwissenschaftlichen Fortschritt in der Renaissance werden die Mitteilungen durch detaillierte Beschreibungen der Klinik zuverlässiger; außerdem verhalf die Entwicklung des Handels, verbunden mit dem Ausbau der Verkehrswege nach Afrika, Indien und Ostasien, der Krankheit zu einer weiten Verbreitung. Die zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen jener Zeit unterstützten diese Tendenz, indem sie der Seuche durch Verwüstung ganzer Ländereien und Schwächung der öffentlichen Ordnung neuen Raum gaben (Ackerknecht (1953), Eichenlaub (1979)). So wurde Europa 1557/58 von einer Malariaendemie erfaßt: „Tota Europa febribus variis maxima ex parte intermittentibus iisque diuturnis iactata est.“ (Palmarius)2. Ihr folgten bis in das 18. Jahrhundert hinein noch viele weitere. Weite Teile Nord- und Mitteldeutschlands, insbesondere die Küstengebiete mit ihren Marschen und Mooren sowie die Stromgebiete der großen Flüsse, hatten unter Malaria zu leiden (Hirsch (1860)). Einige Gebiete Ostfrieslands waren zeitweise so schwer betroffen, daß Tertianfieber schon im Kindesalter häufig auftraten. So soll z. B. während der Epidemie an der Nordseeküste im Jahre 1826 jedes zweite Kind an Malaria tertiana erkrankt gewesen sein (Martini (1937)). Zwar handelte es sich in der Mehrzahl der Fälle autochthoner Malaria um Malaria tertiana (Anderntagsfieber), doch können prinzipiell auch die Erreger der Malaria quartana (Drittagsfieber) und Malaria tropica (Gallenfieber) von einheimischen Anophelesmücken übertragen werden, wie Einzelfallbeschreibungen aus jüngerer Zeit bezeugen (Bitter (1924), 1 Zitiert bei Hirsch (1860) 2 Zitiert bei Hirsch (1860) 2 Klose und Eisentraut (1941)). Die ehemals weite Verbreitung der Malaria spiegelt sich in regionalen, im Volksmund überlieferten Namen wider: Marschfieber, daardagse Kolle3, Sumpffieber, Wechselfieber u. a. (Martini (1952)). Im 18. Jahrhundert begann der allmähliche Rückgang der einheimischen Malaria, doch war sie auch im 19. Jahrhundert noch so häufig, daß man auf grundlegende Phänomene der Klinik und der Epidemiologie in mittleren Breiten aufmerksam wurde. Zu erwähnen sind hier: • die Beschreibung des typischen Erkrankungsablaufs von Malaria tertiana und Malaria quartana (Griesinger (1864)), • die Entdeckung des Malaria-Pigmentes in Erythrozyten und der malaria-spezifischen Pigmentablagerungen in inneren Organen (Virchow (1864)), • die Beschreibung der Zweigipfligkeit der Malaria-Inzidenz-Kurve (Frühjahrs- und Herbstgipfel im jährlichen Verlauf) (Griesinger (1864)), • die Annahme einer primären langen Latenz als Ursache für diese Zweigipfligkeit (Plehn (1904)). Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war die Malaria, abgesehen von endemischen Herden in Schleswig-Holstein (Emden, Aurich) und Schlesien (Breslau, Oppeln, Landkreis Pleß), aus Deutschland verschwunden (Trautmann (1913)). Der Grund für das Erlöschen der autochthonen Malaria liegt hauptsächlich in Veränderungen der mannigfaltigen Umweltbeziehungen der Anophelesmücken durch Eingriffe des Menschen. Zum einen wurden durch Flußregulierungen, Sumpftrockenlegungen und Kanalisationsmaßnahmen Mückenbrutplätze zerstört, zum anderen entzog sich der Mensch dem infektiösen Mückenstich durch verbesserte Wohnhygiene und zunehmende Verstädterung (Grober (1903a), Fischer (1948)). Hinzu kam eine Verschiebung im Vorkommen der Anopheles-Rassen infolge veränderten Brutplatzangebotes in kultivierter Landschaft: Der als harmlos angesehene Anopheles maculipennis typicus verdrängte vielerorts den als gefährlicher Überträger geltenden Anopheles maculipennis messeae (Fischer (1948)). Die Anwendung von Chemotherapeutika und Insektiziden war dagegen kaum von Bedeutung. Offensichtlich wird die „Malarialage“ in unseren Breiten von den Aktivitäten des Menschen so entscheidend beeinflußt, daß es nicht übertrieben ist zu behaupten, sie würde „vom 3 Kolle (friesisch) - kaltes Fiebe

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